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Der Duden sagt: „Dirtbag, engl. für [Drecksack, der]: widerlicher, gemeiner Kerl (oft als Schimpfwort)“.

Puuh, harter Tobak – und was hat das mit Klettern zu tun? Als Dirtbag Climbing wird in der Kletterszene die ursprüngliche Lebensart bezeichnet, die die Kletterer (damals wirklich fast nur junge Männer) in den späten 60er und frühen 70er Jahren vor allem in den USA pflegten: kein Geld, kein Haus, kein Job – dafür aber ein Zelt oder Van, gestählte und braungebrannte Körper, Lagerfeuer, Freunde und Dosenbier. Der klassische Dirtbag Climber war Outlaw und Habenichts. Und das alles, um eines den ganzen Tag machen zu können: Klettern. Dazu Sex, Drugs & Rock’n’Roll, schließlich war die revolutionäre Umbruchzeit der 68er. Dirtbagging war politisch, emeritiär, revolutionär und ein Statement gegen das verstaube Establishment in den zugepflasterten Großstädten. Zwischen den harten Jungs, die sich am Lagerfeuer in ihren illegalen Camps im Yosemite Nationalpark LSD auf die Zunge schmissen, herrschte Einigkeit: Climb, Eat, Sleep, Repeat! Die ersten Bigwalls – Wände mit hunderten Metern Wandhöhe – wurden unter aus heutiger Sicht abenteuerlichen Bedingungen in Angriff genommen. Neue Klettertechniken wurden ausprobiert, etabliert und weiterentwickelt. Und auch grundsätzliche philosophische Fragen des Kletterns wurden gestellt; zum Beispiel welche Sicherungsmethoden als „fair“ gelten sollten. Angst vor dem Tod galt als zu überwindende Hürde auf dem Weg zu neuen Leistungen, die auch manchen das Leben kostete. Das hat Grenzen verschoben und Unvorstellbares möglich gemacht.

Heute ist das Dirtbag Climbing für viele in der Szene Symbolbegriff für die Entwicklung, die der Klettersport innerhalb der letzten Jahrzehnte durchgemacht hat. Einst ein waghalsiger, konfrontativer Nischensport, heute Massen- und Breitensport, dessen wohlgefärbtes Equipment sich neben Tennisschläger und Heimtrainer in jedem OTTO-Katalog findet. „Dirtbagging is dead!“ proklamieren die Klettermagazine vor allem aus den USA, in denen der Lebensstil mehr als anderswo geprägt wurde. Auch am Fels sind Absicherungen auf Kletterhallenniveau fast schon Standard, ebenso wie Camping-Verbote, beheizte Sitzkissen und Topos, in denen jedes Vogelnest verzeichnet ist. Dirtbagger von damals, die sich selbst nach einem 800m Wanddurchstieg wegen der hübschen Kellnerin aus dem Nationalparkbistro gepflegt auf die Fresse schlugen, sitzen heute in der Doppelhaushälfte vor dem Kamin und trauern „the good ol‘ times“ hinterher. Und warum? Schwindet die Daseinsberechtigung des Klettersports und des Kletternden mit jeder zusätzlichen Sicherung, die er legt? Bringt schon der Gebrauch von teurem Equipment und eines Heizkissens eine Relativierung der Leistung mit sich? Nein, denn der Sport bleibt der Gleiche – nur etwas sicherer, und das ist auch gut so.

Der Hype um das Dirtbagging ist nämlich vielmehr eine politische Frage, als eine sportliche. Das, was da vermisst wird, ist die Dematerialisierung des Lebensstils und die politische Aussagekraft dessen. Das Eins-Sein mit der Natur und ihr in vollem Ausmaß ausgeliefert zu sein, dabei auf Sachzwänge und gesellschaftliche Erwartungen zu scheißen und das zu tun, was man wirklich will: Klettern. Auch wenn das bedeutet, monatelang im Zelt oder Van zu leben und sich von dem Restmüll der Naturhotels zu ernähren, während sich an der Briefkastenadresse des Freundes die Briefe und Zahlungsaufforderungen zu so unnützen Dingen wie Rundfunkgebühren oder Steuerbescheiden häufen. Dirtbagging ist Teil der Entstehung des Klettersports und könnte gleichzeitig heute nicht ferner davon entfernt sein. Ein Breitensport kann diese Politisierung nicht liefern und muss es auch nicht. Die Melancholie um das Dirtbag Climbing ist die Melancholie um die Depolitisierung des Klettersports; um die Deideologiesierung weg von einem Lifestyle, hin zum bloßen Sport. Auch das ist Teil unserer revolutionär modernen Gesellschaft, nämlich, dass jeder machen kann, wie er will. Auch wenn der Blick zurück auf die Wurzeln dieses einstigen Politikums wohl manchmal gut tut. Als Anreiz, um mit Wenig auszukommen und doch Großes zu leisten.