Forschung im Schweiße des Angesichts. Was treiben eigentlich die GeographInnen immer auf ihren Forschungsreisen in Ecuador? Und wie macht sich so ein Nebelwald eigentlich visuell, wenn es doch nur regnet? Wie lebt man dort und muss man da hin? Nach unserem Ausflug nach Sanguangal geht es jetzt auf den Arschlochberg in Südecuador  in unserem Nebelwald-Spezial. Los geht’s!

Expedition Ecuador

Ein Bärlapp im Dschungel

Meine Nase ragt durch eine kleine Öffnung im Synthetik-Sarkophag ins Freie. Während mir der Schweiß Tröpfchenweise über die obere Gesichtshälfte rinnt, verharre ich als hellblaue Schlafsackwurst regungslos auf dem Hochbett. Über mir spannt sich der durch gigantische, von Spinnenweben durchwobene, hölzerne Dachstuhl einer ecuadorianischen Forschungsstation und verliert sich in beängstigend undurchsichtigem Schwarz. Ich befinde mich im Bergregenwald der südecuadorianischen Anden und versuche nicht an den langbeinigen Albtraum zu denken, der noch vor einer Stunde ekelhaft flink durch die Dunkelheit des Stationsflures rannte. Man hätte sie durchaus schön finden können, die handtellergroße Jagdspinne, die ihre pechschwarzen acht Gliedmaßen symmetrisch sternförmig am staubigen Gemäuer anordnete. Doch blieben diese Gebeine selten am selben Fleck und durchquerten nun flitzend die Wahnvorstellungen im schweißnassen Inneren meines Sommerschlafsacks. Ich will nur raus. Will, dass die Nacht vorüber geht und von mir aus drei Arschlochberge erklimmen, wenn ich dafür nur diesen düsteren Hallen den Rücken zukehren kann. Der Arschlochberg, eigentlich Cerro del Concuelo oder „Antennenberg“, beherbergte auf seinem verregneten Gipfel eine Klimastation, die über die Jahre mehr oder weniger regelmäßig forschungsrelevante Klimaparameter aufgezeichnet und nun aber aus finanziellen Gründen vorerst ausgedient hatte. Ihrer harrte die Rückführung aus Ecuador auf deutschen Grund durch eifrige und günstige Studentenbeine, die sich morgen auf 2083m ü NN bemühen und die Station in Einzelteilen zum Refugio zurück transportieren sollten. Doch war das eben der berechtigte Einsatz für eine Abenteuerreise zum universitären Schnäppchenpreis. Ich lausche dem zirpenden und trillernden Gesang aberhunderter Insekten vor dem Stationsfenster und gleite langsam in einen unruhigen Dämmerschlaf.

 

Expedition Ecuador: Vor lauter Bäumen…

Am Morgen der großen Wanderung klebt die noch mit Tröpfchen benetzte beachtliche Artenvielfalt von Nachtfaltern im dunstigen Nebel an der Außenwand. Wir umhüllen uns mit Regenjacken und Gamaschen, schultern Gepäck und Proviant für einen halbtägigen Marsch in tropischen Untiefen und ziehen los ins tropfnasse Unterholz des grünen Bergregenwaldes von Ecuador. Sechs Studenten und ein armer Dozent, der die schnatternde Herde durch rutschiges Terrain sicher zum Ziel bugsieren soll. Wie immer in solchen Situationen ist mir etwas unwohl in Anbetracht der körperlichen Anforderung, die vor mir liegt und ich denke nervös an das übersichtliche Sportprogramm, das ich in den letzten Monaten genossen hatte. An Aufgabe war grundsätzlich nicht zu denken, also drohte wohl eine unschöne rotgesichtige Hyperventilation mit peinlichen Nachfragen. Aber nun erst mal frisch voran zum rostigen Drahtgestell, das uns per Seilwinde über den Rio San Francisco manövriert. Und dann beginnen sie, die glitschigen Scheißtreppen, die sich Meter um Meter die Bergflanke empor arbeiten. Stellenweise ist das Geländer gebrochen und die Stufen von den Regenfällen der vergangenen Tage verspült und so hangeln wir uns wie die Affen der nicht vorhandenen Sonne entgegen. Längst baumeln die Regenjacken über dem Rucksack, das schweißnasse Haar vorm Gesicht und wie immer außerhalb gemäßigter Temperaturen beginne ich in einem inneren, lautlosen Mantra die schwüle Hitze der Tropen zu hassen. Nicht unerheblich in meiner Abneigung gegen Hitze war wahrscheinlich, was diese im Regelfall aus mir machte: Mein glänzender, magentaroter Kopf schiebt sich über die letzte Stufe auf die Plataforma, die erste Lichtung mit Ausblick inmitten der bewaldeten Hölle des Cerro del Consuelo. Wir machen eine kurze Rast und dünsten in der feuchten Umgebungsluft schweigend und Oreo-Schokokekse kauend vor uns hin. Der Blick über die bewaldeten Bergketten Ecuadors ist atemberaubend. Irgendwo hinter dem Horizont liegen Loja und Vilcabamba, die malerisch bunten Aussteiger-Örtchen mit bemalten Hütten und einem verträumten Plaza, auf dem man würzige Speisen und frischgepressten Jugo del arbol, den Saft der Baumtomate genießen konnte. Das lebendige, bunte Treiben wirkt fern hier oben, wo wir trotz üppiger Begrünung von gedämpfter Stille umgeben sind. Der Elfenwald. Lang hängen Moosteppiche und Flechten wie Haare an der Rinde der knorrigen Bäume und kämmen so Feuchtigkeit aus den tiefhängenden Wolken. Und dann geht es weiter und wir tauschen Treppen gegen übermannshohe Buschvegetation, in der wir die nächsten Stunden komplett verschwinden. Ein winziger Trampelpfad schlängelt sich zwischen scharfkantigen Riesengräsern, Dickblattgewächsen und umrankten Gehölzen dahin. Ich robbe auf dem schlammigen Boden unter einem umgestürzten Baumstamm hindurch und wehre mit meinen Armen grüne Schneidwerkzeuge ab, die mit langen Fingern nach Gesicht und Händen greifen. Nur fünf Meter vor mir ist Björn kaum noch zu sehen, die gelb verhüllte Jackenfigur verschluckt und verschlungen vom Grasmagen des Arschlochbergs. Längst ist der Weg einem Bachbett gewichen, das wir nun über felsige Vorsprünge empor kraxeln. Halt suchend ziehen und zerren wir rücksichtslos an allem, was in unser Gesichtsfeld ragt.

 

Expedition Ecuador: Das Privileg des Abenteurers

Und plötzlich ist da nur noch Luft. Ein grauer, regenwolkenverhangener Himmel spannt sich über das Paramo, eine bodennahen Vegetation aus Farnen, verkrüppelten Sträuchern und stacheligen Bromelien. Braun-grün ist die Welt um uns und wir folgen weiter dem bunt gesprenkelten, vom Wasser glatt gespülten felsigen Bachbett den Berg hinauf. Ewigkeiten stiefeln wir von Rinne zu Rinne, erreichen einen Hügelkamm nach dem anderen, der einen weiteren hinter der Kuppe verbirgt. Das Alphatier ist längst hinter uns entschwunden und die Exkremente des Andentapirs zieren den Farn. Ich kann nicht anders als die eigentlich faszinierend fremdartige Landschaft trostlos zu finden. Und dann endlich sehen wir einen Kontrast am Horizont, eine stahlgraue Antenne, die sich dornartig in die tiefhängenden Wolken bohrt. Mein hungriger Magen jubiliert und kann sich vor Begeisterung kaum halten, hängt mir schon seit Stunden als knurrend bockiger Ball sprichwörtlich flau in den Kniekehlen. Als ich ein labbriges Weißmehlerzeugnis mit zuckriger Marmelade aus dem Rucksack ziehe, sacken er und ich enttäuscht in uns zusammen. Wissenschaftler und ihre Zeitrechnung! Aus dem halbtägigen Marsch würde eine 10h-Tour werden. Ich starre ernüchtert auf das mickrige Häufchen Nüsse, das als Wegzehrung verblieben war. Neben mir beißt Matthias begeistert in seinen industriellen Geburtstagsmuffin und genießt die unerwartet feucht-fröhliche Stimmung zu seinem Ehrentage. Bald taucht auch das Alphatier vom Andentapir unbehelligt aus dem nebligen Dunstkreis auf und wir machen uns an den Abbau der in die Jahre gekommenen Klimastation. Mit kalten, nassen Händen fingern wir an Schräubchen und Gewinden und verstauen schmierige Metallteile in den Rucksäcken. Ein stählernes Windfähnchen ragt aus Björns Deuter in den Himmel und pendelt wie ein Ruder bald gemächlich in alle Richtungen. Er dreht sich um und lacht mich an und das Fähnchen dreht sich mit und zeigt nach Norden. Dreckig und durchnässt steigen wir ab und schlittern bestens gelaunt das glitschige Bachbett hangabwärts. Wir sind sehr zufrieden mit uns und registrieren mit feierlicher Hochachtung Schnitte und Kratzer an Armen und Beinen, den Dreck hinterm Ohr und den Hunger im Bauch. Wir Tiere, wir überaus Wildnis taugliche Mitteleuropäer! Als wir am Abend mit dem Zirpen und Quaken der tropischen Fauna durch den Busch zurück ins Camp brechen, unterm Spinnenbenetzten Baldachin den Dreck vom Leib spülen und ein ecuadorianisches Festmahl zu uns nehmen, finde ich die Welt plötzlich still und heimlich ganz großartig. Zwei Kolibris sirren zur zuckerwässrigen Futterstelle und ein riesiger gehörnter Käfer landet brummend neben unserem Kartenblatt. Bis tief in die Nacht sitzen wir bei Bier und Kerzenlicht auf einer Terrasse in Ecuador während die heimische Fauna im dunklen Wald um die Station ihr nächtliches Lied anstimmt. Ach Geographie, du Schöne! Karte, Kompass und Kolumbus. Expedition Ecuador. Das Abenteuer zum Beruf.