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Silberner Nebel umwabert im blassen Morgenlicht die hölzernen Blockhütten Álftavatns und ein kleiner nackter Mensch zieht still eine gerade Linie in den glatten Wasserspiegel. Unser Kocher faucht Dampfwölkchen in die eisige Morgensonne während sich der Gerstenbrei langsam erwärmt. Wir strecken die Zehen aus dem Zelt und halten die Gesichter in die Sonne. Wir schmecken getrocknete Aprikosen auf der Zunge und das Gefühl absoluter Freiheit auf der Haut. Die Russen neben uns singen ein karelisches Lied bei dem sich mir die Armbehaarung prickelnd aufstellt. Heute ist Abenteuertag. Die dritte Etappe des Treks mit ihren Flussquerungen und der schwarzen Sandwüste Emstrur. Nach dem Frühstück stapeln wir routiniert sämtliches Zeug in unsere Rucksäcke und beginnen unseren Marsch durch ein unspektakuläres Stückchen Hobbit-Landschaft, bis zur ersten Furt im grünen Tal von Hvanngil. Das Wasser steht nicht sehr hoch und lässt sich recht locker queren, auch wenn die Temperatur einigen von uns Brechreiz bereitet. Sollte es das nun schon gewesen sein? Der Hosenschisser in mir blickt erleichtert einem völlig ungefährlichen Tourentag entgegen bei dem ich nicht vom Rucksack in die Fluten gezogen werde. Nach kurzer Zeit ist jedoch klar, dass wir die Arschbacken doch nochmal kräftig zusammenkneifen müssen.

 

Islands Laugavegur: Im Flussbett geht die Welt zu Grunde

Nach Querung einer Hängebrücke pflügt sich der Bláfjallakvísl hinter einer Biegung durch die Landschaft und macht dabei einen deutlich widerspenstigeren Eindruck als sein Vorgänger. Wir nähern uns dem rauschenden Quell meines erhöhten Pulsschlags und mich beschleicht das Gefühl, gleich vor einer großen Menge Menschen einen Vortrag halten zu müssen. In meinem Bauch rumort es. Kneifen zwecklos, der Trek winkt mir vom anderen Ufer fröhlich zu. Ich habe keine Angst vorm kalten Wasser. Was mich richtig aus der Ruhe bringt, sind diese völlig unkoordinierten meinigen Beine, die ja schon auf dem Festland nicht das machen was sie sollen. Das schaukelnde Rucksackmonster lacht hämisch auf meinen Schultern und erinnert mich an die Abstinenz meiner stabilen Trekkingstöcke, die wir aus Gewichtstechnischen Gründen zu Hause ließen. Clever! Romi und Samu fackeln nicht lange und bringe das Ganze hinter sich während sich Juliane mit einem geliehenen Stöckchen schon bis zur Hälfte vorarbeitet. Ich will auf keinen Fall zurückbleiben und setze schnell einen eifrigen Sandalenfuß ins eisige Wasser, der sofort ein paar Zentimeter zur Seite treibt. Großer Mist, vom Untergrund ist null zu sehen! Mit kleinen, unkontrollierten Schritten wanke ich Kopflastig voran und bleibe mit meiner dämlichen Trekkingsandale unter einem Stein hängen. Schöne Scheiße, barfuß wäre doch besser gewesen! Ich lege einen Eiertanz hin und angele nach dem Trekkingstock, den mir Juliane wie einen Rettungsanker entgegen streckt. Dann sind wir drüben und trocknen wie Kriegshelden unsere prickelnden Pillefüße.

 

Islands Laugavegur: Durch schwarzen Sand

Die nächsten Kilometer ziehen sich durch die schwarz bepinselten Sedimentbecken von Maelifellssandur und Emstrur, zwei gigantischen Lavawüsten, die wir nun Kilometerweit vermessen sollten. Der feinkörnige, pechschwarze Sand klebt wie schimmriges Puder zwischen Steinchen und Felsritzen, ummantelt die wenigen mutigen Steppengräser, die sich hier in Büscheln zusammen raufen. Pfeift der Wind mal so richtig ordentlich durch die Sedimentbecken, kann man sich danach ruhig mal gepflegt mit Seife waschen. Pechschwarz bis unter die Haarspitzen kehrt so mancher Backpacker aus Saurons vom Flugsand gepeinigten Einöde zurück. In weiter Ferne formen bizarre Vulkanketten den Horizont und lassen uns winzig klein in dieser endlosen Einöde zurück. Wir schweigen uns aus, hängen Kilometer um Kilometer unserer verworrenen Gedanken nach, die in meditativer Restentleerung über die schwarze Wüste davonziehen. Ich verliere mich in ausgedörrter Wortlosigkeit unter der trockenen Sonne und genieße das Gefühl völliger Stille im Kopf. Endlich passieren wir eine Gruppe Palagonitberge und wähnen uns bereits auf der Zielgeraden zur kulinarischen Abendgestaltung. Vor uns gähnt Emstrur mit weit geöffnetem Schlund, rieselt schwarz zwischen die zerknitterten Blätter unserer Wanderkarte. Wir haben Maelifellssandur hinter uns gelassen und folgen nun noch zwei Kilometer dem winzigen Pfad durch die Marslandschaft. Inzwischen zwicken Blasen meine malträtierten Zehen und die Ungeduld die Gesichter Anderen bis sich der Pfad plötzlich emporwindet und wir die letzte Anhöhe für heute erklimmen. Ich schaue meinen Füßen beim Laufen zu und hebe träge den Blick, erwarte kleine hölzerne Hütten im schwarzen Aschemeer.

Islands Laugavegur: Im luftleeren Raum

Vor mir öffnet sich die Welt, dehnt sich hinter den Horizont in Dimensionen, die ich nicht fassen kann. Die 180m tiefe Schlucht Markarfljótsgljúfur klafft wie eine gigantische Wunde in der zerfurchten Landschaft und das Eisschild Mýrdalsjökull thront gewaltig über der winzigen Hütte unseres Nachtlagers tief unten in der Ebene. Von hier aus sieht man die Gletscherzungen Mýrdalsjökull, Eyjafjallajökull und Tindfjallajökull ins Tal hängen und ich könnte Stunden hier stehen und die Vogelperspektive in mich hinein saugen! Wir beschließend erst einmal sesshaft zu werden und dem gewaltigen Canyon später auf die Pelle zu rücken. Rutschend machen wir uns an den sandigen Abstieg zum Zeltlager und finden bald einen lauschigen Platz in einem versteckten grünen Flusstälchen. Während wir in der warmen Nachtmittagssonne unser bescheidenes Nudelgericht auf dem Gas zum Kochen bringen, stapeln die singenden Russen bunte Lebensmitteltürmchen auf der benachbarten Campingdecke. Wir löffeln unsere wässrige Plörre mit verbrannter Zungenspitze und versuchen nicht hinzuschauen,  wie sie sich genüsslich ein ausgewähltes Dreigängemenü in die Futterluke werfen. Am Abend spazieren wir mit Sibylle und Jonas zur Schlucht und schauen ein paar Sturmvögeln im abendlichen Aufwind beim Kreiseln zu. Der Wind geht leicht und ich beschließe früh am Morgen das Nebelfeld im Tal Emstrurs vom Hochplateau auf die Speicherkarte zu bannen.

 

Islands Laugavegur: Ein letztes Mal

Am nächsten Morgen herrscht siegessichere Stimmung, die letzte Etappe steht an! Das Nebelfeld verpuffte natürlich in der warmen Faulheit meines Luxusschlafsacks und sollte mich noch des Öfteren vorwurfsvoll im Geist besuchen. Wir vertilgen unsere morgendliche Kalorienbombe und schultern die inzwischen bedeutend leichteren Rucksäcke für den ersten Aufstieg. Ein Warnschild informiert über Rettungsmaßnahmen, sollte sich der längst überfällige Gletschervulkan Katla zum Ausbruch entschließen. Der Katla ist nämlich ein ganz schöner Brummer, der durch seine Urgewalt auch den Eyjafjallajökull zum Ausbruch animieren könnte. Dann hätten wir nicht nur Aschewolken oder Lavaeruptionen zu bewältigen, sondern auch gigantische Schmelzwasserfluten, die sich die Vulkanflanken gen Tal ergießen würden. Finger weg vom Wasserlauf heißt es also und immer schön oben in den sicheren Hochlagen bleiben. Angetrieben von dieser Gestaltungsmöglichkeit unserer aller Lebensende durchstreifen wir die Steinwüste Emstrurs und machen uns wenig später an den recht rutschigen Abstieg zum Canyon Fremri-Emstruá. An einem dicken Tau seilen wir uns elegant zur Hängebrücke ab und legen nach getanem Tagewerk erstmal eine gepflegte Brotzeit ein. Sind ja schließlich auch schon eine Stunde gelaufen. Während Samu den kuschligen Islandschafen nachsteigt, überholen uns Sibylle und Jonas mit strammen Koffein-Schritten.Die Morgenmuffel haben sie wohl in Emstrur zurückgelassen.

Islands Laugavegur: Auf der Zielgeraden

Was dann folgt, kann ich für mich getrost als eine der langweiligsten Strecken des Laugavegur beschreiben. Die Sonne knallt auf den steppenartigen Landstrich mit passendem Namen Sandar und ermuntert dröge Hartlaubgewächse zum Gedeihen. Hoch und runter führt der Weg mit zum Teil recht knackigen Anstiegen, umrundet bitter schmeckende Heidelbeersträucher bis er sich in meinem heißen, mediterranen Albtraum im Flussbett verläuft. Ich schwitze und starre gelangweilt geradeaus. Wo sind die saftig grünen Moosteppiche, die zerklüfteten Felsformationen vorm Gletscherpanorama? Nee, das hier ist definitiv nichts für mich und so latsche ich den anderen wie ein still-trotziges Vorschulkind mit hängendem Kopf hinterher. Um uns herum wird es bald grüner mit kleinen geblümten Laubwaldinseln, in die wir uns zeitweilig für ein kurzes Nickerchen werfen. Nach Überqueren des Gletscherflusses Ljósá und einem Blick in die Karte zieht das Etappenende bereits bildreich vor meinem geistigen Auge dahin: Barfüßig aalen wir uns mit einem gepflegten, kühlen Bier im lauen Abendwind…Moment. Ein beachtliches Gewässernetz spannt sich glitzernd in der plötzlich auftauchenden Talaue auf. Was soll das denn sein?! Ist doch gar nicht eingezeichnet! Der Þröngá wurde vom Geographenauge geflissentlich übersehen und lockt uns nun mit gurgelnden Lauten in seine nasskalten Arme. Dieses Mal setzen wir durch das seichte Wasser problemlos über und landen in einem kleinen Birkenwäldchen, das uns nach etwas über einer Stunde endlich dem Ziel entgegen bringt. Auf den letzten Metern gerät Jonas vor Euphorie nochmal gewaltig ins Straucheln, dann purzeln wir alle zusammen ins versteckte Camp von Langidalur, unserer Zielgeraden des 53km langen Laugavegur. Wir begießen den Erfolg mit 8€-Bierdosen und Apotheken-Haribo während die Sonner über dem Flussdelta der Krossa untergeht. Über die gelben Gasflaschen der winzigen Shopping-Baracke blicke ich auf die eisige Stirn des Krossárjökull und Tungnakvíslajökull. Hier ginge morgen die zusätzliche fünfte Etappe des Laugavegur empor, gegen die wir uns im Vorfeld entschieden hatten. Noch einmal etwa 20km wären es noch bis zum Wasserfall Skógafoss an der Südküste gewesen, noch einmal 950 Höhenmeter rauf und 1000 runter. Romi und Samu flog der Flieger unter dem Hintern weg und wir wollte dieses Stück beim angekündigten Sturm mit unserem Übergepäck nicht gehen. Beim nächsten Mal! Die Standardstrecke hatten wir abgeleistet und ein Island kennen gelernt, das bestimmt noch im zahnlosen Greisenalter die Schaukelstuhlromantik schmücken würde!

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