In Finnland hatte der Frühling Einzug gehalten und schob die dunkle, eisige Polarnacht gemächlich aber sicher über die noch schneebedeckten Hügel zum Horizont. Glitzernder Schnee an sonnigen Tagen und eine weiß-grau trübe Suppe dazwischen. Während in Deutschland Krokusse und Tulpen aus der Erde sproßen, mussten sich die Finnen ihren Frühling mit viel Geduld erarbeiten. Ein bisschen Frühlingsblues mit einem Häubchen Lebensfreude gibt’s in einem weiteren Teil unserer „Tappen im Dunkeln“-Serie.

Ende März in Finnland. Vor meinem hutzeligen Bürofenster trieben fröhlich schaukelnd große und kleine Eisschollen den Kemijoki hinunter, die knackten und knirschten als wollte sich Lappland aus einem besonders harten Ei pellen. Auf der Fensterbank türmte sich ein hübsches geformtes Häuflein Schnee und die Winterstiefel standen zum Trocknen unter der Heizung. Ich hatte so einen richtigen Hals als an diesem sehr ereignislosen Märzdonnerstag in Rovaniemi NDR2 aus meinem Internetradio dudelte und sonnige 18°C für den kommenden Sonntag in Deutschland versprach. Während in Deutschland das Grün aus jeder Ritze spross, hatte ich bis zu diesem sonnigen Tag zwei geschlagene Wochen völliger Wetterbedingter schlechter Laune durchlebt. Die Landschaft vor dem Fenster verschwamm dauerhaft in einem nass-kalten grauen Dunst bei 0°C Außentemperatur und versprach eine ordentliche Rutschpartie beim Gang vor die Tür. Man musste sich vorstellen, was abwechselndes Tau- und Frostwetter mit 96cm kompaktierter Schneemasse anstellten. Der wunderbare Pulverschnee mutierte zu einer gletscherähnlichen Eisstraße, die dann unschuldig schimmernd die Stadt überzog.

10 km rutschte ich nun täglich am Morgen mit Spikes über eine arschglatte Straße ins Büro und holte mir am Nachmittag auf der aufgetauten Oberfläche nasse Füße. Fünf Monate ging ich nun schon immer dieselbe Strecke zu Fuß und hatte wirklich so gar keinen Bock mehr. Es war kaum zu beschreiben, wie sehr ich mich auf den Frühling und Sommer freute! Ich dachte an meinen sonnigen Balkon mit Stift und Papier, an Juhannus, das Mittsommerfest und tanzende Mücken vor dem Fenster! Stattdessen sah ich spielende Kinder im Schnee, die mit Sandförmchen Schneekuchen buken und Eisburgen bauten. Und stattdessen betrank ich mich hin und wieder gepflegt mit meinen studentischen Leidensgenossen und teilte mit ihnen das winterliche Leid. Manche hatten das Haus seit November quasi nur noch für die Uni verlassen, während ihre Gesichtsfarbe immer fahler und ihr Gewicht immer beträchtlicher wurde. Rasmus, der Süd-Finne, ging nur noch im Restaurant essen, um wenigstens ein paar Mal am Tag in persönlichen Kontakt mit der menschlichen Spezies zu treten. Je länger ich mich hier oben aufhielt, umso besser konnte ich die finnische Mentalität im abgelegenen Lappland nachvollziehen. Die Schweigsamkeit, der Alkoholkonsum, die Selbstmordrate! Ich verstand, warum man Sisu brauchte und eine warme Sauna im Haus; ich verstand, warum die Wohnung die Festung war und wieso der Finne im Sommer vor Lebensfreude kaum mehr zu bremsen war.

Aurinko tulee! – Die Sonne kommt!

Was das blühende Deutschland aber auch nicht hatte, waren ziemlich wunderbare Freizeitbeschäftigungen, die sich die Finnen über Generationen in ihrer Not so ausgedacht hatten: Es wurde gewandert, gerannt, auf Skiern durch die Landschaft gerutscht und sich in allerhand sportlicher Disziplinen gemessen, um die winterlichen Speckröllchen wieder loszuwerden. Eislochbaden, Rentierrennen, Eishockey am Badesee und Lagerfeuerromantik im Tiefschnee unterm Nordlicht. Mach ich mit! Und so fanden sich Wochenende um Wochenende junge Studentennasen auf dem Ounasvaara, dem Hausberg Rovaniemis, zu Stockbrot und Polarbier ein, saßen mit Schneeanzug und Isomatte unterm grünlich-schwarzen Nachthimmel und hielten Wurstgabeln mit Vegetarischem ins Feuer. Am Nachmittag ging man gemeinsam zum Poro-Cup (poro = Rentier), um sabbernde und schlabbernde Rentiere oder ihre sportlichen, menschlichen Anhängsel anzufeuern. Auf einer präparierten Piste bretterten sie hinter den Vierbeinern durch die Fußgängerzone und versuchten nicht zwischen die langen Hammelbeine mit Riesenfüßen zu geraten. Da konnte man schon was draus machen aus so einem nicht enden wollenden Winter, wenn man selber denn nicht enden wollte wie Graubart unter der Bettdecke.

Avanto autaa – Das Eisloch hilft

Und so beschloss auch in an diesem Märzdonnerstag den winterlichen Frühling willkommen zu heißen und dafür gepflegt in Rovaniemis öffentliches Eisloch zu hüpfen. Wer im Winter auf der Jätkänkynttilä-Brücke spazieren ging und einmal aufmerksam einen Blick nach rechts auf die vereiste Oberfläche des Kemijoki warf, der würde ein kreisrundes, etwa 3x3m großes und unheilvoll schwarz klaffendes Loch erspähen, in das sich jeden Mittwoch von 17:00 bis 19:00 verrückte Menschen aus aller Herren Länder stürzten. Für 2€ erhielt man Zutritt ins kühle Nass, für weitere 2€ auch zum Umkleideraum und der wärmenden Sauna danach. Ich schulterte meinen Rucksack im Büro und drehte NDR2 mit seinem blumigen Frühlingsquatsch den Hahn zu. Eine halbe Stunde lief ich am Kemijoki entlang Richtung Jätkänkynttilä-Brücke und traf vor dem ausgebauten Wohncontainer der Eislochvermietung auf weitere badefreudige Studenten. Wir bezahlten brav den Eintrittspreis und bekamen ein herrlich warmes Glas Glöggi mit piparkakku (Lebkuchen) gratis dazu. Gemeinsam schmissen wir uns ins Zirkusoutfit und mümmelten noch ein bisschen am Gebäck bevor wir uns mit unserem Handtuch in die Kälte wagten. Ich freute mich irgendwie drauf und wollte gleichzeitig nicht so genau wissen, wie sich 1°C auf der bloßen Haut anfühlte.

Doch nun hatten wir ja bezahlt und so watschelten wir auf Kommando geduckt gegen den eisigen Nordwind in Bikini, Gummi-Crocks und senfgelber Wollmütze Richtung Verderben den Hang hinunter und stierten auf den schwarzen Schlund im weißlichen Treiben der hier noch gefrorenen Flussoberfläche. Kopf aus, Schuhe aus und rein da ins kalte Nass bevor der Mut selber davon zischte wie ein Luftballon! Noch während der warnende Satz „ruhig und gleichmäßig zu atmen“ wirkungslos in unseren psychisch restentleerten Köpfen verhallte, stürzten wir uns nacheinander prustend in die eisigen Fluten. Einmal im Kreis mit den nutzlosen Fleischklumpen von Beinen und wieder raus Richtung Saunazelt, wo sich sämtliche Badewütige auf vier Quadratmetern um den Saunaofen drängten. Nach nicht einmal fünf Minuten war man soweit wieder hergestellt, dass der Adrenalinschub ein zweites und drittes Mal in die Fluten scheuchte und dem verwirrten Geist befahl es gut zu finden. Es war nicht etwa so, als würde man dabei frieren. Das Frieren war ein viel filigraneres und feineres Gefühl, während das Eisbaden die Sensorik in grobmotorischer Gänze beanspruchte. Der Kälteschock der ersten Sekunde verhalf zur angenehmen Gefühlslosigkeit in sämtlichen Gliedmaßen bevor sich ein ekelhafter und ganz tief sitzender Schmerz in den Blutbahnen ausbreitete. Nach ein paar Sekunden quittierte die warme lebendige Hülle mit kratzenden Nadelstichen  ihren Dienst und hinterließ das Gefühl einer Ganzkörper-Anästhesie. Warm und euphorisch aufgepeitscht kletterte man aus dem Eisloch heraus, wo ein paar Sekunden zuvor noch ein schnatternder müder Körper hineingeglitten war. Das war er also, der versprochene Jungbrunnen der Finnen: Eisbaden und Sauna machte müde Männer munter. Und danach das gute Glas Milch! War doch eigentlich gar nicht verkehrt, so ein finnischer Frühling!