Ein Auto, eine Fahrt, und dann: Stille, Weite, Schnee. Auf einer Reise in den Norden Finnlands, ins tiefste Lappland, erwartet man vieles – aber kein strukturschwaches Ambiente. Sonnen- und Schattenseiten einer Region, die vom Tourismus noch unentdeckt im hohen Norden schlummert. Weiter geht’s mit unserer „Tappen im Dunkeln“-Serie.

Wir saßen im Auto auf halbem Weg zwischen Utsjoki und Rovaniemi. Vor dem Fenster schwirrte ein Nordlicht über den Himmel und versuchte sich seinen Weg durch die Wolkendecke zu bahnen. Es war stockdunkel und ich wusste, würde ich das Auto verlassen, wäre da nichts. Keine Menschenseele außer uns dreien, kein Licht, kein Laut. Stand man dort draußen in der Weite Lapplands, dann war es als könnte man die Stille summen hören. Nichts. Ich überlegte, wie lange es her war, dass die Welt um mich herum die Sprache verloren hatte. Oder war es jemals wirklich still gewesen?

Letzten Donnerstag hatte mich mein Kollege Pekka ermutigt, mein Beutelchen zu schnüren und mit ihm und Kumpel Jaakko an den nördlichsten Zipfel Finnlands, nach Utsjoki zu fahren. Jaakko hatte dort ein stattliches Eigenheim gekauft und zusammen mit Pekka die Firma Tundrasafaris ins Leben gerufen. Individualreisen in die Heimat der Sami für jedes Portemonnaie. Jaakko war klein, stämmig, trug statt des Haupthaares welches auf den Zähnen und war von Beruf Hubschrauberpilot, Grenzbeamter und Guide. Er hatte sein halbes Lebens in Schweden verbracht und fast sein ganzes auf tagelangen Patrouillen auf dem Schneemobil. Überlebenskünstler durch und durch erzählte er von seinen Touren durch Lappland, auf denen er tagelang niemandem begegnete und sich oft mit Dosenerbsensuppe und Schlafsack hinter dem Schneemobil eingegraben hatte.

Mit seiner blau-weißen Bikerjacke von Yamaha saß er braungebrannt lachend hinterm Steuer seines Sportschlittens und ergänzte seine Lach- und Sachgeschichten mit blumigem Vokabular, wie helevetti (Hölle), vittu (Schlampe), perkkelle (zum Teufel) oder paska (scheiße). Pekka und Jaakko tratschten wie die Waschweiber und warfen hin und wieder einige englische Informationsbröckchen zu mir auf den Rücksitz. Drei Stunden fuhren wir nun schon Richtung Norden, Hund Pentti döste ganz grau um den Bart mit müden Knochen im Kofferraum und hoffte vom rauen Ton seines Herrchens nicht angesprochen zu werden.

Die Fichten verwandelten sich optisch in Flaschenbürsten und waren unter der gefrorenen weißen Last (Tykky) kaum zu erkennen. Es sah großartig aus! Draußen herrschte bereits der sininen hetki, der blaue Moment kurz vor Einbruch der Nacht als wir Ivalo erreichten, die letzte „Flughafenstadt“ im Norden, in der wir uns zwischen Plastiktischdecke und Leuchtreklame ein fettiges Mahl einverleibten.

Stilles Lappland

Die letzten 160 km durchpflügten wir stark verschneite Straßen, auf denen abschnittsweise nichts weiter blieb als ein gepflegter Whiteout und sich die Bäume wie kleine hutzlige Zwerge in der weiten weißen Welt verteilten. Wir fuhren Hügel rauf und Hügel runter während uns nichts umgab als eine milchige, weiß verschneite Dunkelheit, ein manchmal hinter der Wolkendecke hervor blitzender Stern und die orangen Leuchtfeuer kleiner Städte am Horizont.

Diese Region war tatsächlich so dünn besiedelt, dass der Schein der nächsten weit entfernten Ortschaft wie ein rotes Schlachtfeld am Horizont erglühte. Im Raum Utsjoki wohnten auf 5.372km2 (der doppelten Fläche des Saarlandes oder Luxemburgs) gerade einmal 1.263 Menschen, was einer Bevölkerungsdichte von 0,25 Einwohnern pro Quadratkilometer entsprach. Das Gemeindegebiet bestand überwiegend aus unbewohnter Wildnis und einsamen kleinen Häuschen, in denen sich alleinstehende 94-Jährige an ihre Eigenständigkeit krallten. 70% der Einwohner Utsjokis entstammten dem indigenen Volk der Samen und befanden sich hier in ihrem ursprünglichen Heimatgebiet. Die traditionelle Rentierzucht gehörte zu den Haupterwerbszweigen der Region und zum wertvollen Kulturgut der Samen.

Im Herbst wurden die Rentiere in den Fjells zu Tausenden gesammelt und ihren Besitzern zugeteilt, zum Schlachten, Züchten und Weiterleben aussortiert. In eigens dafür angelegten Siedlungen beherbergten hölzerne Blockhütten alles, was die Rentierzüchter in jener Zeit zum Leben brauchten: Unterkünfte, Schulen, Gemeinschaftshäuser und, vor allem, gute Aussicht. Jetzt im Winter schälten sich die verlassenen Hütten geisterhaft am Horizont aus dem Nebel,  ragten verschwommen mit dunkel klaffendem Schlund und leeren Fensterhöhlen in der Dunkelheit auf. Während der Wind flüsternd um die Ecken strich und kalt-klammes Holz wenig Schutz und Wärme bot, konnte man sich das regen Treiben der flammenden Herbstmonate nur schwerlich vorstellen. Utsjoki selbst kam erst Anfang der Siebziger in den Genuss einer Anbindung an das landesweite Verkehrsnetz und war nun über die größte Verkehrsader Lapplands, die Staatsstraße 4 über Inari erreichbar. Zuvor war Utsjoki nur über den Wasserweg oder im Winter über die Eisstraße des Tenojoki erreichbar gewesen.

Zufrieden, dass dieser Kelch an uns vorüberging, schipperten wir die Staatsstraße im warmen Auto dahin und erreichten gegen elf Uhr Jaakkos ganzen Stolz, ein schönes blaues Holzhaus mit bunt-kitschigem Weihnachtsbaum vor der Tür. Pekka und ich bezogen das Gästezimmer während sich Jaakko häuslich einrichtete: Der gestandene Hubschrauberpilot wackelte mit Karohemd und Yamaha-Jacke durch das Haus, entzündete Kerzen, heizte der Sauna kräftig ein und enthauptete ein Bier während der Flachbildschirm an der Wand das Abendprogramm ins Zimmer warf. Die Männer bezogen die Sauna und ich stand am großen Fenster und blickte über die in Dunkelheit getauchte weiß-graue Landschaft nach Norwegen.

Der Tenojoki, einer der lachsreichsten Flüsse Lapplands schlängelte sich hier hinter dem Grundstück entlang und  repräsentierte die flüssige und auch staatliche Grenze zu Norwegen. Ein LKW pflügte sich mit seinen winzigen Lichtern seinen Weg über das norwegische Staatsgebiet und am Horizont glomm der Schein eines einsamen Holzhäuschens durch die herein wabernde Nacht. Drumherum ein Schwarzweißfoto in dem sich licht bewachsene Kahlköpfe aus der weißen Landschaft erhoben. Schwarze Bänder aus Zwergbirken rauften sich in geschützten Tälchen und Abdachungen zusammen und verzierten wie dunkle Girlanden die Rücken der Fjells. Die letzten baumartigen Vertreter vor der kargen Tundra. Ich aß salzigen Lachs auf weichem Polarbrot und beobachtete den Himmel, der trotz der hohen Polarlichtaktivität nicht aufreißen wollte.

Als die Männer schwitzend und glücklich mit ihrem Saunabier zurück an die Oberfläche stiefelten, war ich an der Reihe. Das Holz der Sauna knackte und knisterte, der Aufguss dampfe zischend durch den kleinen Raum und ich beobachtete das Thermometer bei seinem Weg zur Wohlfühltemperatur zwischen 80°C und 90°C. Immer wieder trippelte ich nur mit einem Handtuch bekleidet vor die Tür, stand dampfend im Schnee und genoss die unglaubliche Stille, ab und zu unterbrochen vom leisen Schrei einer Eule. Barfuß blickte ich in den Nachthimmel während mich die innere Hitze wie eine warme Decke vor der Kälte isolierte.

Norden, Nördlich, Nuorgam

Der morgendliche Blick aus dem Fenster glich dem der vergangenen Nacht und enthüllte in immerwährender Dunkelheit nur einen grau-weißlichen Schimmer am Horizont. Heute war Samstag und die beiden Finnen wollten nach Nuorgam, um einen befreundeten Koch für das Tourismusgeschäft anzuwerben und ein Schneemobil für Tundrasafaris unter die Lupe zu nehmen. Wieder saßen wir im Auto nach Norden und ich versuchte nicht einzunicken, im behaglich warmen Bauch der Ledergarnitur. Wir lauschten andächtig einer samischen CD und ließen uns einlullen vom Geplätscher, Gesumme, Geknister und Geflüster der vertonten acht finnischen Jahreszeiten. Es war halb vier als wir den Parkplatz und damit das vermeintliche Stadtzentrum Nuorgams erreichten, auf dem sich mehr norwegische als finnische Fahrzeuge zum Schwatz eingefunden hatten.

Die Norweger zählten hier zu den Tagestouristen, die sich im „günstigen“ Finnland mit Lebensmitten eindeckten. Nachdem mir Jaakko im Souvenirshop einen Schneehuhnfuß als Schlüsselanhänger andrehen wollte, führten mich die Finnen in die „beste Pizzeria der Welt“. Wir betraten ein weiteres Schnellrestaurant des ortseigenen Supermarktes und bestellten für stolze 9Euro ein kulinarisches Highlight mit dreierlei Belag. Mit Oberlippenbart dekorierte Halbwüchsige hingen gebeugt im Blaumann über ihren Holzfällerportionen und spachtelten fröhlich vor sich hin während die wenigen Weibchen versuchsweise aufgebrezelt hinter der Theke hantierten. Die Reklameschrift blinkte an den Wänden, an meinem Pappbecher klebte irgendetwas Undefinierbares und ich fühlte mich wie im tiefsten Russland. Pekka verteilte Tassen aus besseren Zeiten mit der Aufschrift „Ich bin verrückt nach dir“ und ließ klappernd einige bereits muffig schmeckende Kaffeeplätzchen auf einen Pappsteller purzeln. High expectations waren in dieser Gegend definitiv fehl am Platz und ich begann zu begreifen, wie wenig bereit dieses nördliche Finnland für den Tourismus war. Ein vergessenes Stück Land im beliebten Skandinavien.

Und so wenig bereit für das Touristenauge war dann auch Koch Jonne, der mit ungewaschenem Haar und ungepflegten Zähnen über die Wursttheke des Supermarktes hing. Zum „Bewerbungsgespräch“ lud er uns nach Hause ein und mit ihm und einem russischen Gastarbeiter schlappten wir mit einer Dose gekühltem Hellem in der Hand zu seinem Hof, auf dessen Grundstück allerlei rostiges Gerät verteilt lag. Den Leuten hier oben ging es nicht gut und das sah man ihnen an. Außer ein paar verstreuten Jobs im Dienstleistungssektor, Handel und in der Rentierzucht gab es nicht viel zu holen und auch der Heiratsmarkt war im Zuge der stetigen Abwanderung in den wirtschaftlich reichen Süden etwas eingeschränkt. Laut Pekka war die Auswahl an Heiratswilligen hier so gering, dass man sich Männlein und Weiblein nach der Scheidung brüderlich teilte. Jeder hatte hier also mit jedem in irgendeiner Hinsicht geschlechtlich, familiär oder im besten, aber seltensten Fall freundschaftlich zu tun und hegte so allerhand Fehden mit der lieben Nachbarschaft.

Im Haus sprangen uns zwei haarige Teufel von hinterlistigem Katzenvieh entgegen während wir dem Zigaretten- und Alkoholgeruch in die Küche folgten. Hier wurde es nicht sauberer, die Plastiktischdecke hatte ihre besten Zeiten bereits hinter sich und es sah aus, wie es in solchen Wohnungen irgendwie immer aussieht: Die roten Spitzengardinen hingen auf einer weißen Plastikstange schief vor dem Fenster und der Blick ins angrenzende Wohnzimmer offenbarte ein Sammelsurium aus Schuhkartons, Werkzeug und Zusammengestöpseltem, das gänzlich eingestaubt und zugeschmiert vor sich hin oxidierte. Eine hässliche Kuh-Uhr tickte traurig über der Küchentür und wunderte sich, wie sie hier hatte hinein geraten können.  Nach dem ersten folgte das zweite und schließlich auch das dritte Bier, während man sich über Belangloses und Geschäftliches unterhielt und dabei ungeniert an der ungeduschten Oberfläche kratzte. Jonne konnte nichts dafür. Ihm ging’s nicht besonders und er hatte wohl andere Sorgen als sich den Reinlichkeiten der wohlhabenden Gesellschaft zu widmen. Die Sache mit dem Koch ließen wir dann aber doch lieber erstmal sein…

Wesentlich erfolgreicher war dann die Suche nach dem „kleinen“ Schneemobil, mit dem Jaakko schon eine Weile liebäugelte. Wir betraten eine Welt aus Werkstatt, Fuhrpark und Motorradgeschäft und ich verzog mich in die Warteecke, denn ich wusste, das konnte dauern! Die Finnen hatten Zeit beim Warten, besonders in Lappland, denn man machte, was man eben machte und wann es sich ergab. Im Schaukelstuhl wippte ich vor mich hin, lernte nützliche neue Begriffe, wie wind- und wasserdicht, Schneeschutz und atmungsaktiv während Pekka und Jaakko über Winterjacken diskutierten. Der dicke Werkstatt-Zögling hing mit Strickmütze und gelbem Kapuzenpullover gelangweilt durch das Anmeldefensterchen und beäugte uns mit großen Augen wie exotisches Zooinventar. Neben mir erzitterte der  weiche Wust aus graublauen Schneeanzügen plötzlich in wieherndem Gelächter während Jaakko eine Anekdote von einem Kunden zum Besten gab, der bei einer Tour im Wald in die Kapuze geschissen hatte. Irgendwann kam der Chef dann doch zu uns herüber und lüftete die Abdeckplane eines, in meinen Augen, riesigen Schneemobils. Nach zwei kritischen Blicken war das Ding quasi fast gekauft und man genehmigte sich einen zufriedenen Kaffee auf den Familienzuwachs.

Zufrieden und gleichzeitig ernüchtert angesichts der schwierigen Lage der Leute hier oben fuhren wir zurück nach Utsjoki. Der Himmel legte sich vor dem Fenster wie ein pechschwarzes Tuch mit abertausenden Sternen über die Fjellketten. Die Luft war klar und bitterkalt. Ein blasser Streifen spannte sich über den Horizont und ich sah zu, wie er wanderte und tanzte, heller wurde und sich endlich färbte in ein gespenstisches Grün. Er wuchs und teilte sich und dann ergossen sich die Lichter über das sternenbesetzte Himmelszelt. Das grün-blaue Fuchsfeuer tanzte die ganze Nacht und längst noch nachdem wir wieder in Jaakkos warmen Wohnzimmer am Fenster standen, waberte das Licht lautlos am Horizont. Ich nippte an meinem bernsteinfarbenen Whiskey vor dem Kamin und dachte an nichts. Wir hatten ja Zeit.