Der Rückblick in unser Jahr im hohen Norden geht weiter: Im August 2014 schlugen wir unser Lager in Rovaniemi, der Hauptstadt Finnisch-Lapplands auf. Wir bauten uns etwas auf, wo nichts vorher war und begannen Land und Leute zu beobachten. Wir zogen aus in die Natur, um dort zu arbeiten und hüllten uns in die gemütliche Dunkelheit eines nordischen Winters. Weihnachten am Polarkreis, wo Weihnachtsklaus persönlich um die Ecke wohnt? Wir erzählen vom Pikkujoulu, vom kleinen Weihnachten, der Betriebsweihnachtsfeier auf finnische Art.

Der Winter war da! Ab jetzt wurde es in Lappland nur noch dunkler und sechs Monate nicht mehr warm. Die Temperaturen bewegten sich unter dem Nullpunkt und rutschten in der Nacht auf -20°C ab. Es waren 90 cm Schnee gefallen, der sich auf den Fußwegen zu einer ansehnlichen Eisfläche komprimiert hatte. Inzwischen war es so schweineglatt geworden, dass man das Haus ohne Spikes unter den Schuhen am besten nicht mehr verließ und in den Supermärkten wie T-Rex mit seinen Krallen über das Parkett klickerte. Als Autofahrer rutschte man sein Auto zur Arbeit und das unangenehme Geräusch schlitternder Mehrtonner gehörte inzwischen zur alltäglichen Geräuschkulisse der Stadt. Ich ging nun täglich eine Stunde zu Fuß zur Arbeit und ließ die Langsamkeit in mein Leben. 10 km lief ich nun täglich zwischen Arbeit, Finnischkursen und meinem kargen Heim durch Rovaniemi dahin während sich die frostige Nordstadt unter dem schwarzen Polarhimmel in eine rosa-weiße Parallelwelt verwandelt hatte. Jeder Strauch, jede Bank und jedes Dach war überzogen mit einer Schicht kunstvoller Eiskristalle, die die ganze Stadt surreal und unwirklich erscheinen ließen und in der Sonne leuchteten und glitzerten. Um 11:00 Uhr kletterte die Sonne ein klein wenig zum Sonnenaufgang am Horizont entlang und verschwand nur 2,5 Stunden später wieder hinter dem Vorhang einer dämmernden Polarnacht. Ich fand es schön! Und ließ die Gedanken treiben über den Pulverschnee während sich meine Füße Tag für Tag durch den tiefen Schnee zur Arbeit pflügten. Stets dampfte eine Tasse Tee ihr behagliches Warm neben meinem pustenden Laptop ins Büro und Pulla, finnische Zimtschnecken mit Milch brachten den müden Körper mit Fett und Zucker durch die Kälte. Bei trübem Wetter floss der Tag zwischen kaltfingerigen Nebelschwaden dahin und präsentierte sich als lebensnahes Schwarz-Weiß-Foto vor dem Fenster. An solchen Tagen war es wirklich nicht schwer über den Tod nachzudenken und leicht sich der finnischen Melancholie hinzugeben. Doch während der Süden Finnlands im matschigen Winterwetter versank, verlieh der weiße Pulverschnee im orangefarbenen Licht der Straßenlaternen der Kaamos-Aika, der Zeit der langen Dunkelheit, dem Polarkreis etwas Märchenhaftes. Und dann kamen die Pikkujoulus!

Pikkujoulu

Das Pikkujoulu, das kleine Weihnachten wird in Finnland als betriebliche Weihnachtsfeier an jeder größeren Einrichtung und Arbeitsstelle gefeiert und lädt zu gemeinsamen alkoholischen Entgleisungen ein. Der Tag meines Pikkujoulus begann am Arktikum, dem naturwissenschaftlichen Museum Rovaniemis: Um neun Uhr sollten tausend Lichter am Baum des Arktikums entzündet und für die kommenden 1,5 Monate nicht mehr gelöscht werden. Die Finnen hatten sich dafür ein kleines Programm mit singenden Kleinkindern und einem Morgensportprogramm ausgedacht, durch dessen gebündelte Energie die Lichter des Baums entflammen sollten. Gesagt, getan und so hampelten wir mit 50 wildfremden Menschen vor einer stattlichen Fichte herum, griffen nach Polarlichtern und schnürten unsere imaginären Fellstiefel, drehten Pirouetten im Schnee und stapften durch den Winterwald und dann – blitzten vor uns tausend kümmerliche kleine Lichter in den Zweigen der Fichte auf. Das war also der vielgepriesene Baum! Mir kam er etwas blass und unscheinbar vor, aber das wollte ich nicht sagen und so rief ich „Upea! (Wunderschön“), klatschte in die Hände und holte mir kostenlosen Glöggi mit Rosinen und Mandeln. Ein bisschen beschwipst tingelte ich ins Büro und versuchte meinem Computer bis zum Nachmittag noch etwas Sinnvolles zu entlocken.

Um vier Uhr fand sich die versammelte Mannschaft für die Jahresabschlussreden in der Cafeteria ein, während derer den Verstorbenen gedacht und das Jahr evaluiert wurde. Die Kollegen standen verträumt an den Fenstern, nuckelten am nächsten Glöggi mit finnischem Koskenkorva und einem Stück weißer Sahnetorte. Wie die Hobbits im Auenland, erfreut sich der Finne oft und gern an einem reichhaltigen Mahl. Danach ging es für uns Damen ins Kellergeschoss, in dem sich neben Trockenräumen und Gefrierkammern, Inventarlisten und Kuhstallbeleuchtung eine behagliche holzvertäfelte Sauna versteckte. Zu samischer Joik-Musik aus dem Radio tranken wir schwitzend mit roten Gesichtern unser Saunabier während vor dem kleinen Kellerfenster draußen der Schnee in dicken Flocken vom Himmel rieselte. Es gibt keinen größeren Genuss als sich im schweinekalten Winter im warmen Bauch einer finnischen Holzsauna zu verkriechen und ich lehnte mich entspannt zurück während das Saunabier dunstige Milchglasscheiben in mein Hirn zauberte. Dann war Männerrunde und wir Frauen zwängten uns in der Umkleidekabine in die wie üblich zu engen Feinstrumpfhosen, drapierten Röcke und Kleider, bepinselten Gesichter und versuchten Haartechnisch zu retten was noch zu retten war. Mir kroch allmählich die Angst in Hände und Füße und ich wäre am liebsten sitzen geblieben mit meinem Bier und meinem Kleid vor dem schönen Joik-Radio. Die deutsche Weihnachtselfe würde später Geschenke verteilen und sich vor aller Augen zum Weihnachtshorst machen müssen. Nichts für mich! Doch bald schon stöckelten vier finnische Damen mit einer nervösen Weihnachtselfe mit Glöögi, Mandeln und Schnaps nach oben, um endlich Pikkujoulu zu feiern!

Um sechs begann das feuchte Fest mit der Eröffnung des üppig überladenen Buffets, das alle Speisen eines traditionellen finnischen Weihnachtsmahls auf der festlich geschmückten Tafel vereinte. Das Weihnachtsmahl bestand in Finnland in der Regel aus heimischen Produkten, die die finnische Natur hergab oder die ohne exotischen Beifang in Finnland verarbeitet wurden. Es gab Weihnachtsschinken (joulukinkku) und Pastete, Steckrübenauflauf (Lanttulaatikko), Möhrenauflauf (Porkkanalaatikko), Waldpilzsalat (Sienisalaatti), Zwiebel-Kartoffel-Auflauf (Sipuli-Perunalaatikko), Rosolli-Salat aus Kartoffeln, roten Rüben, Essiggurken und einer rosafarbenen Sahnesoße, rohen Lachs (Lohi), eingelegten Hering und Brot mit Butter (voileipä). Dazu wurde Wasser, finnisches Bier oder Glöggi gereicht und zum Nachtisch Pflaumenquark serviert. Es war wirklich für jeden etwas dabei und ich löffelte angetan mein neues Leibgericht, den Steckrübenauflauf.

Das Programm begann mit den Puuropuheet, den Breireden, bei denen Anekdoten vergangener Jahre zum Besten gegeben wurden. Alte Fotos erinnerten an alte, bessere Zeiten, in denen man weniger arbeiten und mehr faulenzen konnte. Die Fotos saunierender und betrunkener, verkleideter und am Lagerfeuer Rentierfleisch grillender Finnen sprachen dabei Bände und sogleich hüpfte das etwas in die Jahre gekommene Duo Les(s) Boys auf die Bühne. Zu lauter finnischer Humppa-Mucke sprangen sie in Frauenkleidern und Damenunterwäsche bis zu den Haarspitzen angepinselt in den Raum und tänzelten mit schwingender Federboa und frisierter Kunsthaarperücke durch die Reihen während sie ihren Fans unter der Sonnenbrille hervor rot bemalte Kusshände zuwarfen. Die Menge tobte und Less Boys wischten sich die schweißigen Glückstränchen aus den Augenwinkeln! Es folgte die Lotterie, bei der es Rentierfleisch, Fotobücher, Schokoladen, Weine, Kuksa (finnische Holztassen) und Adventskalender zu gewinnen gab. Ich hatte mit der Nummer 88 auf mein Geburtsjahr gesetzt und eigentlich gehofft, nicht aufgerufen zu werden. Als dann „Kahdeksan kahdeskan, Anna Franke!“ durch den Raum schallte und meine Kollegen johlend in Beifall ausbrachen, stolperte ich hastig nach vorne, um mir einen wunderschönen grauen Seidenschal mit Eichenblättern in finnischem Design abzuholen. Vor lauter Aufregung vergaß ich, den Weihnachtsmann zu umarmen und stand unter zahlreichen „Halaus (Umarmung)!“-Rufen, die ich nicht verstand etwas verloren auf der Bühne herum. Mein Stündlein hatte aber ohnehin geschlagen und so blieb ich gleich vorne und verteilte die schönsten Wichtelgeschenke mit Lieblingskollegin Sini und Weihnachtsklaus an die artigen Kollegen. Ich rief „Hauskaa joulua!“ (fröhliche Weihnachten) in die Ohren von Pekka und Pasi, von Marja und Sinikka, drückte Ville und Pentti und versuchte mich so klein zu machen auf der Bühne, wie die Weihnachtselfen in den Fjells von Lappland.

Dann kam die Band und reich beschenkt und bierselig zog es alle zweibeinigen Lebewesen  auf die Tanzfläche, um die weihnachtlich geschmückten Hüften zu finnischem Tango, zu Humppa und Jazz zu wiegen und sich die winterliche Melancholie aus den Gliedern zu schütteln. Die Finnen liebten das Tanzen und im Sommer las sich der finnische Event-Kalender wie eine lange Reihe namhafter Jazz- und Bluesfestivals. Ich verzog mich mit mit meinen zwei linken Füßen hinter die Theke, um einige Schichten lang den Verkauf alkoholischer Genussmittel zu übernehmen. Das Fußvolk wurde derweil immer betrunkener, es waren Indianerperücken aufgetaucht und eine alkoholisierte Ehefrau zettelte später aus Eifersucht einen handfesten Streit mit der blonden Konkurrentin an. Wenn Finnen feierten, dann feierten sie richtig und ich liebte dieses Land für seine ehrliche Ungeschminkheit! Als sich gegen zwei der Saal langsam leerte, schlüpfte auch ich in der flüsternden Stille meines Büros wieder in Jeans und Pulli und zockelte heimlich mit meinem riesigen Rucksack in die Dunkelheit. Die weiß-orange Nacht pustete mir ihre Kälte ins Gesicht und ich ließ mich dahintreiben unter dem wolkenverhangenen dunstigen Himmel, der kein einziges Polarlicht hindurchlassen wollte. Um mich herum schluckte der Schnee die wenigen Geräusche, die die menschenleeren Straßen in die Nacht atmeten und kein Tier, kein Mensch rührte sich in der Dunkelheit hinter den Straßenlaternen während die Welt still verharrte im frostigen Eis des Polarwinters. Meine Gedanken zogen freie Kreise und formten sich zu einem lockeren Gespinst neuer Ideen für das nächste Jahr.