Campingleben: ein Leben ohne Abstriche.

Dürre Kiefern. Eben geschotterter Waldboden. Stromkästen. Ein Zaun. Das ist die Kulisse, in der sich jeden Sommer hunderte Camper zum gemeinsamen Nebeneinanderherleben treffen. Auch ich habe mich dieses Jahr mit Freunden für einen Campingurlaub entschieden. Günstig ist es – dachten wir. Naturnah ist es – dachten wir. Und interessant ist es – das wussten wir. Also raus nach Kärnten und an einem der türkisen Seen ein paar Tage Urlaub. Auf dem Campingplatz angekommen wurden uns drei potenzielle Kurzzeitheime vorgestellt: Kleine Waldstücke, die glücklicherweise nicht auch noch durch Zierhecken abgegrenzt waren. Variante 1: Schotter mit Sonne. Variante 2: Wiese mit Schatten. Variante 3: Wiese mit Schatten und Schweizern als Nachbarn. Wir entschieden uns für Variante 3, da wir Lust auf Kontakt zu Menschen hatten und außerdem jegliche Campingutensilien von irgendwem leihen mussten, da wir diesbezüglich recht dilettantisch unterwegs waren.

„Heeheyy, grüßt Euch“ sprach ich unsere Zeitgefährten in lässigem Stadtjugendton an. „Wir sind die Neuen.“

„Serrvus, grützts Aich!“ schallte es selbstbewusst zurück.

„Könnten wir Euren Hammer leihen? Wir kriegen die Heringe nicht in den Boden.“

„Sichr! Fahrts zum Campink und habtsa kein Hamma dabei nicht. Ihrr seids mia aba einr!“ erwiderte der drahtige Schweizer und reichte mir seinen 10 Kilo Zangenhammer. Keine 12 Minuten auf dem Platz und schon das erste Mal zurechtgewiesen worden – das war ein guter Schnitt.

Wir fingen an die Heringe unserer Miniaturzelte in den harten Boden zu pickern. Natürlich machten wir uns vorher minutenlang Gedanken darüber, wie die Zelte am besten aufzustellen seien. Sonneneinstrahlung am Morgen, Bodengefälle, Ausrichtung zu den Nachbarn, Energieströme, Zeltschnurverankerung. Alles Faktoren, die wir einzuberechnen versuchten. Natürlich standen die Zelte danach einfach irgendwie, weil fünf dicke Kiefernwurzeln relativ eindeutig vorgaben, wer hier das Sagen über die Zeltausrichtung hat. Als wir unser Werk vollendet hatten, rissen wir uns jeder eine Kanne auf (Zisch, Klack.) und begutachteten fachmännisch unser Werk. Betrachtete man nur den Vordergrund, konnten sich unsere zwei Biwakschachteln wirklich sehen lassen. Den Hintergrund mit einbezogen war ein gepflegter Schluck aus dem Hopfenblütentee die einzige Abhilfe: Wohnwagenfestungen, Paläste aus PVC und Aluminium, türmten sich in den anderen Parzellen auf. Arm blickt auf Reich. Favela auf Bankenviertel. Salzgitter auf München.

Den anderen Campern fehlte es wirklich an Nichts. Offensichtlich wurde mit allen Mitteln versucht, den Wohlstand des Eigenheimes auf das mobile Heim zu übertragen: Satellitenschüsseln, die vor dem Frühstückstisch der Nachbarn aufgebaut wurden; Sitzgarnituren, bei denen jedes Dänische Bettenlager neidisch wird und Küchenzeilen, die größer waren als jede meiner Studentenküchen. Immer wieder beobachtete ich stundenlang aus meiner Hängematte das Treiben um uns herum. Da standen zum Beispiel zwei Daitsche vor einem Wohnwagenkoloss und starrten gedankenverloren auf das dreiteilige Markisen-Set mit Quetschfingerschutz und UV-Absorptionskörper.

„Ist der Neue aus der Streamline“, der Eine.

„Mhm.“, der Andere. Nickt zustimmend.

Dann stehen sie wieder. Gucken. Stehen. Umrunden. Der eine stolz, der andere ehrfürchtig. Gucken. Stehen.

„Mhm“, der Andere. „Hat was.“

Anderenorts musste ich mich an die campingtechnischen Gepflogenheiten gewöhnen. Während ich morgens zerknautscht und schlaftrunken zu den Waschräumen torkelte, um mir das Geräuschkonzert auf der Gemeinschaftstoilette zu geben, grüßten sich alle so fröhlich und  überschwänglich, als hätten sie zusammen die Nacht im Wohnwagen verbracht. Irgendwann nahm uns der Campingchef mit festem Händedruck am Oberarm zur Seite und fragte, „ob wir uns nicht auch etwas mehr der Gemeinschaft öffnen wollten“. Und dass der „soziale Zusammenhalt“ hier das wichtigste sei, um im Krieg gegen den Nachbarplatz die „strategische Oberhand zu gewinnen“. Okay, das war creepy. Und ist so nicht passiert. Aber dennoch merkten wir bald, dass wir mit unserer städtischen Anonymitätsblase hier nicht weit kamen. Wir fügten uns, grüßten fortan jeden Neuankömmling morgens um 6 mit einem Blend-a-dent-Lachen und rückten am Badestrand den anderen mit unseren Handtüchern näher auf die Pelle. Fast hilflos suchten wir auf der Liegewiese nach Ankerpunkten (andere Menschen und/oder Handtücher), in deren Nähe wir uns platzieren konnten. Ein zustimmendes Nicken reichte aus, um hier Gemeinschaft zu symbolisieren. Nach nur drei Tagen waren wir abhängig. Abhängig von der Nähe und Wärme, die diese kleinbürgerliche Miniaturstadt ausstrahlte.

An einem Abend wagten wir uns aus dem Campinggefilde, um ein paar hundert Meter weiter Essen zu gehen. Vor dem Restaurant kamen wir zum Stehen und blickten auf den Trubel fremder Menschen hinter der Glasscheibe. Nervös zog ich an meiner Zigarette. Trubel Trubel. Fremdes Gelächter. Unbekannte Gesichter.

„Wollen wir wirklich… Also ich meine, wir könnten ja auch…“

„Ja“, der Eine.

„Ja“ der Andere.

Wir fuhren zum Supermarkt und kauften zwei Dosen Ravioli. Erleichtert kehrten wir zu unserem Plätzchen zurück und schmissen den Gaskocher an. Unsere Schweizer Nachbarn entkorkten ihren besten Wein und stießen mit uns an (Wir: Zisch, Klack.). Der Drahtige blickte uns mit funkelnden Augen an. „Nun habts auchh Ihrrr den Test bestandn und seids festrr Teil unsrar Gemeinschaft!“