Radreise Osteuropa: Allein reisen

Radreise Osteuropa: Allein reisen

Hermann Hesse schrieb in seinem Buch „Narziss und Goldmund“ als der junge Goldmund seine Reise alleine antrat folgendes:
„Die Welt lag offen vor ihm, offen und wartend, bereit, ihn aufzunehmen, ihm wohlzutun und wehzutun. Diese große Welt war jetzt wirklich geworden, er war ein Teil von ihr, in ihr ruhte sein Schicksal, ihr Himmel war der seine, ihr Wetter das seine. Klein war er in dieser großen Welt, klein lief er wie ein Hase, wie ein Käfer durch ihre blau und grüne Unendlichkeit.“

Dieses Zitat beschreibt ganz gut, was ich auf meiner Radreise Osteuropa gerade durchmache. Alleine zu reisen kann eine große Herausforderung sein, genauso kann es das größte Vergnügen sein. Ohne einen Reisepartner bin ich komplett auf mich alleine gestellt, muss alle Entscheidungen selber treffen und fühle mich oft wirklich so klein und angreifbar wie ein Käfer. Keiner motiviert mich, wenn ich nicht weiter weiß; keiner beruhigt mich, wenn mich ein Hund attackiert  oder nachts Leute um mein Zelt schleichen; keiner lacht mit mir über kuriose Ereignisse auf der Straße und keiner bewacht mein Fahrrad mit Gepäck, während ich im Supermarkt bin. Dafür komme ich viel leichter in Kontakt mit anderen Menschen, freue mich viel mehr über ein Lächeln oder Winken von fremden Personen, kann so lange und so weit und so schnell fahren wie ich will und muss keine Rücksicht auf andere Interessen nehmen. Ich erlebe alles so viel intensiver. Innerhalb eines Tages kann ich die größten Glücksgefühle und die schlimmsten Ängste haben. Immer wieder habe ich Momente, in denen ich alles hinschmeißen möchte, einfach nur ins nächste Flugzeug steigen und auf dem schnellsten Weg heim will. Dann muss ich die Zähne zusammenbeißen und weiterfahren. Eine aufregende Landschaft, ein nettes Gespräch mit einem Einheimischen, den ich nur nach dem Weg fragen wollte, oder gute Musik reichen manchmal schon und ich kann mir nichts besseres vorstellen, als genau in diesem Moment mit meinem Fahrrad an diesem Ort zu sein. Alleine zu reisen ist sicher kein Zuckerschlecken, aber es ist ein unbeschreibliches Abenteuer mit vielen großartigen Momenten und ich genieße jeden Tag auf dem Rad.

 

Radreise Osteuropa: Ein typischer Tag auf dem Rad

In den letzten Wochen hatte es mittags oft an die 40 Grad, sodass ich am liebsten schon früh aufbrach, um einen großen Teil der Strecke vor der Hitze zu schaffen. Ohnehin wird es schon morgens nach dem Sonnenaufgang um 5Uhr so heiß in meinem Zelt, dass ich freiwillig aus den Federn krieche. Dann packe ich alle Sachen nach einer ausgetüftelten Ordnung in meine sechs Radtaschen, baue das Zelt ab und mache Frühstück. Das besteht entweder aus Müsli mit Obst und Wasser oder Brot und irgendeinem Aufstrich, je nachdem was ich noch in meinen Radtaschen finde. Insgesamt brauche ich ungefähr eine Stunde, bis ich aufbrechen kann. Dann fahre ich 60-70 km und suche einen schönen Platz zum Mittag machen. Anfangs habe ich Brotzeit gemacht, aber in Serbien und Bulgarien ist das Essen so billig, dass ich mittlerweile vorwiegend in Restaurants gehe. Für 3 Euro bekomme ich auf dem Land ein Mahlzeit mit Getränk und kann meine Tour im Laufe des Nachmittags gut gestärkt fortsetzen bis die Zeit gekommen ist mir ein Nachtlager zu suchen. Bisher fahre ich täglich im Schnitt ziemlich genau 100 km. Das Radeln an sich empfinde ich nur selten als anstrengend, denn 100 km pro Tag sind auf ebenen Straßen kein Problem, wenn man den ganzen Tag Zeit hat. Auch bis zu 130 km sind gut machbar, wenn es nicht allzu bergig, heiß oder stressig auf der Straße ist. Anstrengend sind eher folgende Faktoren: viel LKW-Verkehr, wilde Hunde auf Verfolgungsjagd, mehr als 35 Grad und Gegenwind. Am liebsten fahre ich auf Straßen abseits der Hauptverkehrswege durch kleine Dörfer und gerne auch mit Anstiegen und Abfahrten. So verbringe ich pro Tag zwischen sechs und acht Stunden auf dem Rad, mit konkretem Ziel vor Augen auch gerne einmal zehn Stunden.

Meistens weiß ich morgens noch nicht, wo ich abends mein Lager aufschlagen werde. Zu Beginn meiner Radreise war ich oft auf der Suche nach Campingplätzen, später zählten eher schöne Plätze in der Wildnis oder Einladungen von Fremden zu meinen bevorzugten Übernachtungsmöglichkeiten. Wenn ich irgendwo wild zelte, versuche ich vorher in irgendeinen See oder die Donau zu hüpfen, um Sonnencreme, Schweiß und den Staub des Tages wenigstens grob abwaschen zu können. Dann stelle ich mein Zelt auf und koche auf meinem Trangia-Kocher ein einfaches, aber meistens leckeres Mahl. Da ich vom Radeln immer sehr müde werde, schlafe ich dann oft schon bei Einbruch der Dunkelheit ein und schaffe es nicht einmal mehr, ein paar Seiten zu lesen. Wenn dann nachts keine wilden Hunde, diebischen Jugendlichen oder wildgewordenen Angler um mein Zelt schleichen, falle ich in einen tiefen Schlaf, bis ich am nächsten Morgen wieder von der Sonne geweckt werde.

 

Radreise Osteuropa: Passt das Equipment?

Zu allererst ist hier natürlich mein Rad zu nennen. Ich bin überaus glücklich mit meinem umgebauten Mountainbike und denke oft an Fabi vom Velomondial, der mich beim Umbau so großartig unterstützt hat. Der Verlust meines Sattels ist schmerzlich, da ich mich nach über 2000 km daran gewöhnt hatte. Alle anderen Teile funktionieren tadellos, wobei ich in Sofia die Kette und die Bremsbeläge erneuert habe.
Alles rund um Zelt und Camping hat sich schon vor der Tour auf anderen Reisen bewährt und macht mir auch jetzt keine Probleme. Den Bruch einer Zeltstange in der zweiten Woche konnte ich notdürftig flicken. Auch das Kochen auf dem Trangia-Kocher macht Spaß, auch wenn ich in den ersten Wochen immer wieder ausgelaufenen Spiritus aus meiner Radtasche wischen musste.
Die wenigen Klamotten, die ich eingepackt habe, reichen voll und ganz aus. Drei Mal hatte ich bis jetzt die Möglichkeit, eine Waschmaschine zu benutzen. In der Zwischenzeit wird wie in früheren Zeiten von Hand gewaschen.
Zur Navigation benutze ich fast ausschließlich analoge Karten, die ich in einer Folie auf der Lenkertasche jederzeit studieren kann. Nur in den größeren Städten verwende ich mein Smartphone, um eine Adresse zu finden. Dabei verlasse ich mich auf die App HereMap, mit der ich offline navigieren kann. Aufladen kann ich Smartphone, Mp3-Player und Co immer wieder mit meiner Powerbank und in Unterkünften.
Alles in allem bin ich sehr zufrieden mit meiner gut durchdachten Packliste und habe nur wenige Dinge, die ich noch gar nicht benutzt habe.

 

Die Autorin: Ich bin Nina, 26 Jahre alt, gerade mit dem Geographiestudium fertig geworden und auf der Suche nach Freiheit und Abenteuer. Das bedeutet für mich draußen in der Natur zu sein, keine Vorgaben einhalten zu müssen und jeden Tag aufs Neue etwas zu erleben.