Liebe Studenten: Wir wollen ja wirklich nicht so sein. So altklug und wehmütig. Aber ach….Wo sind denn die Studenten von früher und verdient das Studium seinen Namen noch? Studierst du noch oder lebst du schon nach Stundenplan? Früher war da mal mehr drin, oder?

Studenten: Vom Putzen...

Wenn man sich als aufmerksamer Erdenbürger auf dem aufgeräumten Gebilde namens Campus derzeit einmal genauer umsieht, wird man feststellen, dass diese wunderbar herzerfrischende Spezies des altbekannten Studenten und natürlich auch der StudentIN auszusterben scheint. Wo sind die Revoluzzer, die wilden abgewrackten linken Vögel, die wie wir, morgens halb sieben betrunken nach Hause strunzeln; die sich am Morgen danach in der Mensa genussvoll chemisch anmutende Gerichte zu Gemüte führen und die den abgetragenen Rautenmusterpullover von Opa viel besser finden als den ach so kultigen Fjällräven-Kanken-Rucksack? Schon von weitem kann man sich sicher sein: Der Träger eines Fjällräven Kanken-Rucksacks hat nicht einmal knapp unter der hippen Oberfläche eine Idee davon, was Kult eigentlich bedeutet und welches Lebensgefühl durch diese wunderbare Marke eigentlich hätte transportiert werden können, würde sie jetzt nicht durch die Massenhysterie furchtbar freier und komischerweise gar nicht naturverbundener Heranwachsender durch den Dreck gezogen werden. Von Schweden, einsamer Regenwanderungen und Fjällwind keine Spur mehr.

 

Studenten: Einstudiert

Stattdessen mischt sich zunehmend eine neue Spezies unter den mickrigen Haufen der studentischen Originale und der durchschnittlichen hipp-kultigen Mitläufer. Lackierte und frisch gestrichene Miezen bahnen sich erhobenen Hauptes ihren Weg durch das Universitätsportal, je nach Tageszeit einen Coffee-to-Go oder einen grünen Smoothie in der rot bemalten rechten Kralle, während die rosé-farbene teure Handtasche mit hässlichem Gucci-Tapetenmuster locker in der linken Armbeuge schlackert. Würde man sie öffnen, so ließe sich deren Inhalt eins zu eins mit dem vergleichen, was blondierte  Millionärstöchter oder fleißige Bienchen in Schuluniform in amerikanischen Erfolgsserien so täglich mit sich herum bugsieren: Da wäre einmal der schwarze Aktenordner, aus dem feinsäuberlich sortiert kleine bunte Wimpel herausragen, farblich mit den großzügig pink und grün markierten seitenweisen Textabschnitten harmonierend, die so ziemlich alles markieren, nur nicht die dem Gedächtnis zugehörigen Hirnregionen; da wäre der schicke, seriöse Taschenkalender, das Smartphone und das Kosmetiktäschchen, das dem gefürchteten „Der-Lack-ist-ab“-Habitus eines fortgeschrittenen Blockseminares oder auch nur der einstündigen Ringvorlesung entgegenwirkt. Und da wäre das „Pausenbrot“ der berufstätigen Diskotorte, das mit einem Apfel und einer Flasche ausgewählten Mineralwassers den Eindruck der gesundheitsbewussten intelligenten BWL-Schönheit unterstreichen soll. Ihre manikürten Fingernägel tippern klickernd eine Nachricht an das weibliche Rudel während der maskenartige Gesichtsausdruck eine arrogante Langeweile an die sie umgebenden Bewohner der Unterklasse signalisiert. Doch plötzlich schiebt sich eine visuelle Dissonanz in die unterbemittelte Studentenschaft im Universitätsfoyer und zaubert ein lieblich-süßliches Lächeln auf den roten Erdbeermund. Ein beseitenscheitelter Anzugträger verlässt eiligen Schrittes den Hörsaal, die saubere Aktentasche unter den Arm geklemmt und wirft einen betont genervten Blick auf die goldene Armbanduhr. Er hat gerade so gar keinen Blick für die fesche Blondine, die ihm mit langen künstlichen Wimpern betörend zuzwinkert und die ihm bei seinem nächsten Aktiengeschäft geistig ohnehin nicht folgen könnte. Schwungvoll versenkt sich der Bürohengst in der weichen Ledergarnitur von Papis schwarzem Sportschlitten und macht sich auf den geebneten Karriereweg ins gemachte Familienbetriebsnest entlang zuspazieren, um die nächsten unverdienten Hunderter einzukassieren. Die Blondine wirft gekränkt ihr güldenes Haar über die Schulter und stöckelt gekränkt in die zweite Reihe der Ringvorlesung, während sie sich ein kompensatorisches Date für den abendlichen Diskogang klar macht.

 

Studenten: Im wohligen Nest

Zugegeben handelt es sich hierbei um die ekelhaftesten und extremsten Beispiele der fehlgeleiteten Studentenschaft, doch scheint ein solcher Trend unwiderruflich Einzug zu halten in die schöne bunte Welt der Querdenker und Wissenschaftler. Wer keine größeren Ausreden hat als einen vernünftigen Beruf zu erlernen und seinen Platz in der Gesellschaft einzunehmen, geht studieren und das mit und ohne Geld. Das hat zur Folge, dass sich neuerdings jede Art Mensch und Unmensch an den Bildungsinstituten einfinden, wie (un)geeignet sie auch sein mögen. Besonders unangenehm sind die erstsemestrigen Nestsitzer, die nach der Vorlesung fluchtartig das Universitätsgrundstück verlassen, um auch ja nicht einmal ansatzweise in den Genuss einer zwanglosen, altersgerechten Freizeitgestaltung zu kommen. Mensabesuche, Kneipenabende, WG-Partys? Fehlanzeige. Die neuen, lieben Studenten fahren im gesaugten Kleinwagen nach Hause, um sich an Muttis Küchentisch den Bauch mit liebevoll bereiteter Hausmannskost vollzuschlagen und sich danach zum „studieren“ in sein Kinderzimmer zu verziehen. Die Freizeit verbringt das brave Studentenkind vorzugsweise im Männerturnverein, dessen Mitgliedschaft schon seit seinem dritten Lebensjahr die elterliche Finanzkasse leert. Wird es dann an den Wochenenden mal etwas wilder, folgt ein Spieleabend mit den ehemaligen und genauso drögen Schulkameraden, die den Absprung aus Kleinmannshausen ebenso wenig geschafft haben und sich nun mit der Langzeitpartnerschaft an der Seite kichrig ein Mixbier einverleiben. Am Montagmorgen wird dann das berufstätige Zugabteil über den Baggererfolg am Wochenende informiert. „Ja und neulich hatte ich was mit zwei Kerlen! Da wusste meine Mutter gar nicht, wem sie jetzt die Tür aufmacht“, quakt es durchdringend mit großen Augen über der auf dem Schoß umklammerten Lederhandtasche und ist sich so gar nicht darüber bewusst, welch jämmerliches Bild nun in den Köpfen der bereits erfolgreichen Nestflüchter Gestalt annimmt.

 

Studenten: Studiert mal wieder!

Eine eingefleischte Diskussion kann man mit dieser Generation nicht mehr führen, möchte man das zartbesaitete Gemüt nicht aus der Fassung bringen. Von der Tätigkeit des Studierens kann daher auch keine Rede mehr sein! Wer studiert, denkt mit, kritisiert, argumentiert und negiert, verdreht die Welt und dreht sich mit, dreht sich entgegen und schwimmt davon auf der Welle der zwischenmenschlichen Empfindungen und Entgleisungen des privaten schönen bunten Studentensiechtums, das eine ordentliche Uniparty mit sich bringt und das sich in dunklen Eckkneipen und auf sonnigen Bordsteinkanten aalt. Wo sonst wird man erwachsen, wo sonst lernt man zu existieren, wenn nicht dort draußen in der Welt, dort drinnen in der Uni, die so viele Möglichkeiten bietet  und verzückt mit schlechtem Kaffee, kalter Lasagne und schwarzen Brettern, mit angeranzten, minderbemittelten Menschen, die doch auch nur eines wollen im Leben: Leben. Und das nicht bei Mutti.