Die Stromberg’sche Tanja, der Büro-Teufel von nebenan. Ein Phänomen, das Dir rehäugig den bepuderten Tag versauen kann. Doch was nervt eigentlich so an diesen Tanjas? Sie sind doch so blütenrein.

Tanja: Bund für's Leben

Da saß ich nun an diesem Geburtstagstisch und ließ mich von zwei blau bepinselten Augen feindselig anfunkeln. Mir gegenüber thronte eines dieser forschen Mauerblümchen, die für jedermann sichtbar die Hand des unterdrückten Ehemanns umkrallten und damit den weniger verbandelten, aber deutlich attraktiveren Vertreterinnen der Spezies Frau ihre Besitzansprüche vor Augen hielten. Ich nannte sie Tanja. Merkwürdigerweise waren die Tanjas meist weder besonders klug, hübsch oder gar stilsicher, sondern hatten dieses doch recht ansehnliche und nun bedauernswerte männliche Gegenstück offenbar ausschließlich mit ihrer übertrieben biederen Mädchenhaftigkeit überlistet. Welche Mittel sie dazu eingesetzt hatte, blieb mir auch in diesem Fall völlig schleierhaft. Mit streng nach hinten gekämmtem aschblonden Pferdeschwanz saß sie da und präsentierte mit betont interessiert zur Seite geneigtem Kopf ein affektiertes Grinsen zwischen ihren rosafarbenen altmodischen Ohrringen, die viel zu klein und unauffällig von ihren Ohrläppchen baumelten. Ihre wurstigen, perfekt manikürten Finger umklammerten die wahrscheinlich erste und letzte Flasche Bier in ihrem Leben und klapperten mit goldfarbenen schmalen Ringen gegen das braune Flaschenglas. Sie trug das, was Frauen wie sie immer trugen: Ein mittelbraunes Top zu einem ähnlich tristen knielangen, glockenförmigen Tweedrock mit Karomuster, schwarze Strumpfhosen und, natürlich, schwarze wadenhohe Stiefel mit durchschnittlichem spitzem Absatz, die dem Outfit wohl den gewissen Sexappeal verpassen sollten. Über dem braunen Top, das ohnehin schon ihre weiblichen Rundungen und Speckpolster betonte, klemmte ein viel zu enges türkisfarbenes Bolerojäckchen unter ihren Achseln. Den Gebrauch von Bolerojäckchen hatte ich noch nie verstanden. Sie hatten keinen wärmeregulierenden Nutzen und erweckten auch noch den Eindruck, man hätte sich im Kleiderschrank der kleinen Schwester bedient. Generell trug ein solches Frauenzimmer nur hochgeschlossen und praktisch und kleidete sich auch im Büro gern mit Bügelfalten und einer gewagten Auswahl lederner, schwarzer Halbschuhe. Tanja halt.

Tanja: Vom Glück zu zweit

Die Tanjas dieser Welt bevölkerten mit wenig Humor und einer ersatzweise hässlich glänzenden schwarzen Handtasche das Büro-Miezen-Milieu. Im Großen und Ganzen saß mir also etwas gegenüber, das sein ganzes junges Leben größtenteils spaßbefreit verbracht und sich in altbackener Zurückhaltung geübt hatte. Nur wohl nicht beim Ehemann. In Punkto Mann schienen diese Frauen einen Nerv zu treffen, der mir persönlich bis heute wohl verborgen geblieben war und ich wollte mir auch gar nicht so recht ausmalen, wie die Überzeugungsarbeit von statten gegangen war. Generell musste man sich jedoch fragen, ob der Mann als solcher nicht doch insgeheim an einer Kopie der mütterlichen Familienhälfte interessiert war. Denn Humor hatte Tanja bei ihrer Erziehung zumindest nicht mit auf den Weg bekommen, dafür einen ausgesprochenen Trieb zur Pflege und Fremdkontrolle. Die Tanjas vermochten jeden noch so harten Burschen zum Flechtkorbträger umzufunktionieren, der dann mit hängenden Schultern und verdrießlichem Blick artig grüßend hinter ihrem Weibchen über den Markt schlappte. Die Tanjas hatten stets alles im Griff, vor allem die Nagelfeile, nie aber farbigen Nagellack, und dekorierten ihre Wohnhöhle mit Vorliebe mediterran. Sie tranken nie mehr als zwei Sektchen und brachten zur Party stets verlässlich einen selbstgebackenen Topfkuchen oder Nudelsalat mit, der in einem dafür vorgesehenen Tupper-Behältnis transportiert wurde. Die Tanjas sahen zwar alles andere als spritzig weiblich aus, zelebrierten das Mädchenhafte in ihrem Leben jedoch bis zum Erbrechen. Sie telefonierten betont lange mit der besten Freundin, sprachen immer eine Oktave zu hoch und besaßen eine beeindruckend unbeeindruckende Sammlung unauffälliger dekorativer Kosmetikartikel, die sie zu besonderen Anlässen in ihrer Damenhandtasche umher schlenkerten. Sie sprachen ihren Göga (Göttergatten) außerdem nur mit geflüsterten Kosenamen an, insbesondere dann, wenn sie etwas von ihnen wollten. Je dringlicher die Aufmerksamkeit des Partners erworben und die Kontrolle desselbigen zur Schau gestellt werden sollte, desto leidvoller und verletzlicher fiel der Tonfall zumeist aus. Reagierte der Ehegatte nicht sofort auf die hingehauchten Äußerungen oder die zartfühligen Berührungen in seinem Nackenhaar, so zog der Hausdrachen zuerst einen beleidigten Flunsch und bald darauf erhobenem Hauptes zum Garderobenständer, um die Heimfahrt einzuläuten. Hatte Hasi Unterleibsschmerzen oder drohte gar die Müdigkeit zu dieser späten vormitternächtlichen Stunde, so mussten die jungen Jahre beiseitegeschoben und das gemeinsame Ehebett bezogen werden. Gleichaltrigen Damen, die es mit schwarz bemaltem Blick und kurzem Fummel mal so ordentlich krachen ließen, wurden somit auf das nicht vorhandene Bindungsglück aufmerksam gemacht. Ab zwanzig hatte man sich nicht mehr zu betrinken und kurze Röcke hatte die Tanja ohnehin noch nie gemocht. Da holte man sich nur eine Blasenentzündung.

Tanja: Enthemmung auf dem Weihnachtsmarkt

Es gab jedoch ein Ereignis im Jahr, bei dem man selbst die Tanjas beim Verlassen ihrer emsig umsorgten Komfortzone beobachten konnten: Der Weihnachtsmarkt. Der Weihnachtsmarkt war an sich schon Tortur genug, versammelte er doch alles, was der Bodensatz der Gesellschaft so zu bieten hatte. Und dann kamen sie plötzlich in Scharen, untergehakt kichernd als stöckelnde Menschenkette, das Fläschchen Prosecco in der kindlich behandschuhten Hand und die Weihnachtsmütze auf dem engelsgelockten Haar. Die Tanjas dieser Welt hatten bei ihrer jährlichen beruflichen Existenz offenbar stets nur ein Ziel: Sich auf dem Weihnachtsmarkt mal so richtig gehen zu lassen. Aufgedreht kichernd kreischten sie ihre Parolen („Stößchen“ „Auf uns, Mädels“) mit pudrigen Gesichtern in den beleuchteten Abendhimmel und erwarben zum Entsetzen Aller meist solidarisch Elchgeweihe oder Hasenohren, die die völlige alkoholische Enthemmung symbolisieren sollten. Nach nur zwei Glühwein teilten sie ihrer Umwelt ungefragt ihren Alkoholisierungsgrad  mit und flirteten mit vorgeschobener Brust ungeniert mit dem Nebenmann. Ich konnte die Tanjas nicht leiden und sie hatten offenbar auch mir gegenüber einen solidarischen Hass entwickelt, einen Hass gegen all die berufstätigen, erfolgreichen und lebensbejahenden Single-Frauen, die ihrer sorgsam kontrollierten Beziehungswelt zu nahe treten konnten. Tauchte man optisch dem Zeitgeist entsprechend auf einer versehentlich gemeinsam anvisierten Abendveranstaltung auf und sah man zu allem Überfluss nicht ganz scheiße aus, konnte man sich einer unterkühlt ablehnenden Haltung gewiss sein. Die Tanjas teilten nicht gern. Und sie würden uns als Sekretärinnen, Bürofachangestellte oder Rezeptionistinnen immer das Leben zur Hölle machen. Denn wir brauchten sie.